Pokémon Rote und Blaue Edition

Erstveröffentlichung: 1996
Plattform: Gameboy
Entwickler: Game Freak

Ein Meilenstein in der Tasche: Die zeitlose Faszination von Pokémon Rote und Blaue Edition


Für viele von uns, die in den späten Neunzigern aufgewachsen sind, war das Erscheinen der Pokémon Rote und Blaue Edition in Europa ein einschneidendes popkulturelles Ereignis. Es war der Oktober 1999, als die kleinen Taschenmonster bei uns in Deutschland losgelassen wurden und die Schulhöfe im Sturm eroberten. Nachdem ich damals im Mikey-Maus-Magazin darüber gelesen hatte, hielt ich einige Monate später meine Rote Edition in den Händen. Ich wusste von beginn an: Das ist ein besonderes Game! Persönlich war das Spiel für mich als Zehnjähriger der absolute Startpunkt meiner Liebe zu japanischen Rollenspielen und somit auch der Beginn meiner Faszination für die Welt der Animes und Mangas.

Die Vorgeschichte: Von Grün zu Blau
Es ist interessant, die Entstehungsgeschichte der ersten Pokémon-Generation genauer zu betrachten. Die allerersten Editionen, die bereits 1996 in Japan erschienen, waren die Rote und Grüne Edition. Diese waren technisch aber noch so unausgereift, dass Game Freak sie für den internationalen Markt und für eine japanische Spezialversion (die japanische Blaue Edition) grundlegend überarbeitete. Was wir hier in Europa als Rote und Blaue Edition in den Händen hielten, war also bereits die verbesserte Fassung, die auf der japanischen Blauen Edition basierte.
Der Weg zur Veröffentlichung war nicht einfach. Nintendo zeigte sich anfangs wenig begeistert von dem Konzept, und es brauchte das Interesse von Shigeru Miyamoto – dem Schöpfer von Mario – um den Deal überhaupt erst zu ermöglichen. Das Entwicklerteam von Game Freak musste sich teils mit anderen Auftragsarbeiten über Wasser halten, um die Entwicklung zu finanzieren.

Technik, Glitches und das unvollendete Meisterwerk
Angesichts der begrenzten technischen Möglichkeiten des ursprünglichen, schwarz-weißen Game Boys ist es erstaunlich, wie viel Tiefe und Umfang in dieses kleine Modul gepresst wurde. Die Grafik war zwar schlicht gehalten, aber die Entwickler schafften es, über 150 verschiedene Pokémon-Sprites und eine abwechslungsreiche Welt zu gestalten. Die Nutzung der Hardware wurde dabei maximal ausgereizt.
Rückblickend muss man aber auch sagen, dass die ersten Editionen ein "verbocktes" Spiel im besten Sinne waren. Es gab zahlreiche Programmierfehler und Glitches, die erst Jahre später entdeckt wurden. Berühmte Beispiele sind der legendäre Mew-Trick oder die Datenfragmente von Missingno. Diese Bugs bezeugten die lange und spannende Entwicklungsgeschichte des Spiels, taten dem Spielspaß von uns Kindern damals aber keinen Abbruch – im Gegenteil, sie wurden oft Teil der Gerüchteküche auf dem Schulhof und sorgten für zusätzliche Mythen.

Gameplay: Sammeln, Kämpfen und Erkunden – Die Formel für den Welterfolg
Das Gameplay von Pokémon Rot und Blau war für viele von uns der Inbegriff eines zugänglichen Rollenspiels und legte den Grundstein für den globalen Erfolg der Marke. Es vereinte klassische JRPG-Elemente mit einem revolutionären Sammel- und Tauschsystem.
Die zentrale Motivation lieferte die Fangmechanik. Obwohl diese Idee nicht völlig neu war – das frühe JRPG Digital Devil Story: Megami Tensei von 1987 verfügte bereits über eine Mechanik zur Rekrutierung von Dämonen – gelang es Pokémon, diese Monster-Collection-Mechanik salonfähig zu machen und auf ein jüngeres, breiteres Publikum auszurichten. Die Vorstellung, wilde Kreaturen in einem Pokéball zu fangen und als eigene Mitstreiter einzusetzen, war für mich damals schlichtweg genial.
Die offizielle Handlung war dabei klar definiert und schmal gehalten – aber sie reichte aus, um mich in diesem Alter in den Bann zu ziehen: Man startete als junger Trainer in Alabastia, erhielt sein erstes Pokémon von Professor Eich und machte sich auf den Weg, um die acht Arenaleiter der Kanto-Region zu besiegen und sich den Titel des Champions in der Pokémon-Liga zu sichern. Diese Reise führte einen über die Siegesstraße und gipfelte im Kampf gegen die Top Vier und den eigenen Rivalen.
Parallel dazu entfaltete sich die Geschichte um die kriminelle Organisation Team Rocket und ihren Anführer Giovanni, dessen Machenschaften es zu vereiteln galt. Das Verfolgen dieser Bösewichte und die Entdeckung ihrer Pläne, beispielsweise im legendären Lavandia Turm – einem der atmosphärisch gruseligsten Orte des Spiels – oder im Elektrokraftwerk, sorgten für zusätzliche Spannung abseits der Arenakämpfe.
Das Kampfsystem selbst war rundenbasiert und bot für Rollenspiel-Neulinge einen idealen, leicht verständlichen Einstieg, während es durch die Komplexität der verschiedenen Attackenformen und Charakterwerte dennoch Tiefe entwickelte. Es war eine Herausforderung, ein ausbalanciertes Team aufzubauen und die Pokémon durch Leveln auf die Kämpfe vorzubereiten. Für viele Spieler war es vermutlich der erste Kontakt mit deratirgem Rollenspiel. Ich hatte jedenfalls zuvor nichts Vergleichbares gezockt und war fasziniert von den Möglichkeiten, die mit das Spiel bot und die weit über das Plattforming- oder Puzzle-Gameplay, das ich aus anderen GameBoy-Titeln gewohnt war, hinausgingen. Ehrlich gesagt, schaffte man es als Kind oft, einfach mit dem überlevelten Starter-Pokémon – in meinem Fall Schiggy, das sich schließlich zu dem coolen Turtok mit seinen Rückenkanonen entwickelte – durch die meisten Konfrontationen zu kommen.
Die Sammelmotivation war für mich die größte Triebfeder dieser Handeheld-RPGs. Man hatte ein klares Ziel: den Pokédex zu vervollständigen. Die Einträge im Pokédex, die kleine, wissenswerte Informationen zu jedem der 150 Pokémon enthielten, wirkten ungemein motivierend. Die Vielfalt der Pokémon ermöglichte es jedem Spieler, ein ganz eigenes Team zusammenzustellen. Wer sich dann die besonders seltenen und legendären Pokémon wie Mewtu, Arktos, Zapdos oder Lavados sichern konnte, fühlte sich als König des Schulhofs.
Die Spielwelt war groß und voller Geheimnisse, was auch an den Action-Adventure-Elementen lag: Durch spezielle Attacken, die sogenannten Versteckten Maschinen (VMs), konnte man sich auf der Oberwelt neue Wege erschließen. Mit Zerschneider wurden zum Beispiel Büsche beseitigt, und mit Surfer konnten Gewässer überquert werden. Diese Mechanik belohnte das Erkunden und gab einem das Gefühl, immer tiefer in die Welt einzutauchen.
Besondere Orte wie die knifflige Safari Zone, in der man Pokémon nur mit Steinen und Ködern fangen, aber nicht normal kämpfen durfte, oder die Spielhalle, in der man Münzen und Preise gewinnen konnte, sorgten für zusätzliche Abwechslung und ein umfangreiches Spielerlebnis. Die Vielzahl der Pokémon und die herausfordernde Welt sorgten dafür, dass die Rote und Blaue Edition für uns Kinder zur damaligen Zeit ein unfassbar großes und umfangreiches Spiel war – ein unvergessliches Erlebnis.

Wirkung und Vermächtnis
Die Wirkung von Pokémon Rot und Blau auf die Popkultur kann kaum überschätzt werden. Es war nicht nur ein Spiel; es war ein echtes Phänomen. Für viele war es der erste Kontakt mit dem JRPG-Genre und der japanischen Anime-Kultur. Die Einfachheit, der Sammeltrieb und der soziale Aspekt des Tauschens und Kämpfens über das Link-Kabel machten es zu etwas ganz Besonderem. Nach der Roten und der Blauen Edition folgte 2000 noch die Special-Pikachu-Edition innerhalb der ersten Pkmn-Generation. Zudem erhielten die Spiele mit den Editionen Feuerrot und Blattgrün 2004 eine Nauauflage für den Gameboy Advance. Wer die ursprünglichen Games der Reihe heute nachholen will, hat es zunehmend schwer. Wenngleich gebrauchte Module im Internet käuflich erwerbbar sind, steigen doch die Preise seit einigen Jahren; seit Mitte der 2010er Jahre findet man immer weniger davon bei lokalen Video-Game-Gebrauchthändlern – das ist zumindest mein Eindruck. Bis auf eine Vitual Console-Portierung für den 3DS fehlen gab es bisher keine Wiederveröffentlichungen.
Obwohl die Reihe bis heute mit unzähligen Editionen weiterlebt, sehne ich mich manchmal nach der ursprünglichen Einfachheit und dem Charme der ersten Designs zurück. Das erste Öffnen des Spiels, das farbige Handbuch, das zur damaligen Zeit die Fantasie beflügelte, und die faszinierenden Pkmn-Designs sowie die Neuheit des Spielkonzepts bleiben für mich unvergessen. Auch wenn die ersten Editionen aus heutiger Sicht wirklich simpel daherkommen: Die erste Generation hat das Rollenspiel-Genre nachhaltig geprägt und einen Meilenstein gesetzt, der bis heute Millionen begeistert.

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