Das Sega Mega RPG Project: Segas verzweifelter Kampf um die Rollenspiel-Krone


Wenn wir an die 16-Bit-Ära zurückdenken, erscheint vor dem geistigen Auge oft ein Bild: Das Super Nintendo als unangefochtener Thronhalter der japanischen Rollenspiele. Wer damals Final Fantasy VI, Chrono Trigger oder Terranigma spielen wollte, kam an Big N nicht vorbei. Sega hingegen hatte mit seinem Mega Drive den Ruf der „coolen“ Action-Konsole – schnell, laut, aber in der Tiefe oft etwas dünn besetzt. Doch Mitte der 90er Jahre wollte Sega das nicht mehr auf sich sitzen lassen. Das Ergebnis war eine konzentrierte Offensive, die heute fast in Vergessenheit geraten ist: Das Sega Mega RPG Project!

Zwischen 1994 und 1995 startete Sega in Japan eine Kampagne, die Rollenspieler endlich davon überzeugen sollte, dass das Mega Drive mehr kann als nur Sonic und Streets of Rage. Es war eine Zeit des Umbruchs – die 32-Bit-Generation stand vor der Tür, aber Sega wollte das 16-Bit-Schlachtfeld nicht kampflos verlassen. Ein besonders charmantes Detail dieser Zeit: Käufer der ersten Stunde erhielten in Japan oft kleine Metall-Pins zu den Spielen. Ein strategisches Stück Merchandise, das ein Gemeinschaftsgefühl unter den Sega-RPG-Fans erzeugen sollte.
Wenn man nicht nur das glänzende Label, sondern die Spiele an sich betrachtet, war die Auswahl ehrlicherweise ein bunter Mix aus echten Perlen, schnellen Portierungen und Titeln, die den Begriff „RPG“ sehr großzügig auslegten.

Zwei der bekanntesten Titel des Projekts sind hierzulande Soleil (in Japan: Ragnacënty) und The Story of Thor (Beyond Oasis). Aus heutiger Sicht würden wir diese Spiele eher in die Schublade der Action-Adventures stecken – sie sind näher an The Legend of Zelda als an einem klassischen Dragon Quest.

Soleil bestach durch sein System mit tierischen Begleitern und eine überraschend philosophische Geschichte, während The Story of Thor technisch aus dem Mega Drive alles herausholte, was an Farben, Größe der Sprites und Animationen möglich war. Beide Spiele schafften es in den Westen und sind heute beliebte Klassiker der Konsole. Aber waren das die RPGs, die man sich als Antwort auf Final Fantasy gewünscht hatte? Vermutlich nur bedingt.


Spannend wird es bei den Titeln, die Japan nie verlassen haben. Surging Aura zum Beispiel war ein optischer Leckerbissen mit Charakterdesigns von Mutsumi Inomata, die später die Tales of-Reihe prägen sollte. Spielerisch war es ein klassisches JRPG, das leider nie offiziell lokalisiert wurde.

Zudem füllte Sega das Line-up mit Portierungen auf, wie den ersten beiden Dragon Slayer: The Legend of Heroes-Teilen. Diese Games stammten ursprünglich von Heimcomputern und fühlten sich auf dem Mega Drive schon 1994 fast ein wenig altbacken an – auch wenn sie historisch wichtig sind, da sie den Grundstein für die heute so beliebte Trails-Saga legten.

Auf dem Mega-CD gab es mit Shining Force CD zwar ein echtes Highlight (ein massives Remake der Game-Gear-Ableger), doch die geringe Verbreitung der Hardware verhinderte den großen Durchbruch. Dann gab es da noch das grindlastige After Armageddon Gaiden: Majuu Toushouden Eclipse, das, soviel man lesen kann, mit einem Cliffhanger endete und nie aufgelöst wurde.


Unterm Strich bleibt die Frage: Hat das Mega RPG Project das Versprechen eingelöst, Sega-Fans endlich gleichwertig zu versorgen? Ich würde sagen: Jein. Sega hat zwar mit aller Kraft Spiele zusammengetrommelt, aber die schiere Qualität und Masse eines SNES-Portfolios konnte man in dieser kurzen Zeitspanne (das Projekt endete bereits 1995) nicht mehr erreichen.

Dennoch hat diese Kampagne dafür gesorgt, dass wir heute auf dem Mega Drive mehr haben als „nur“ das fantastische Phantasy Star IV oder die Shining Force-Reihe. Es war ein mutiger, wenn auch etwas spät gestarteter Versuch, das Genre auf der schwarzen Konsole zu etablieren. Wer heute ein Faible für 16-Bit-Pixelkunst hat, kommt an Titeln wie Soleil oder Story of Thor nicht vorbei – egal, ob man sie nun als Action-Adventure oder RPG bezeichnet.

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