Das Nintendo 64 und seine überschaubare RPG-Bibliothek

Als das Nintendo 64 im Jahr 1996 den Markt betrat, waren die Erwartungen der Spielerschaft – geprägt durch die glorreiche 16-Bit-Ära – immens. Das Super Nintendo hatte mit Meilensteinen wie Final Fantasy VI und Chrono Trigger Maßstäbe gesetzt. Doch der Wechsel in die dritte Dimension markierte für Nintendo eine schmerzhafte Zäsur: Während die PlayStation zur neuen Heimat für epische Erzählungen wurde, blieb es im Modulschacht des N64 weitgehend still.

Der Hauptgrund für das RPG-Defizit war eine bewusste Design-Entscheidung Nintendos. Das Festhalten am Modul gegenüber der kostengünstigen CD-ROM der Konkurrenz hatte fatale Folgen für das Genre. Ein N64-Modul bot in der Spitze 64 MB Speicherplatz; eine CD fasste das Zehnfache. Für aufwändige RPGs mit cineastischen Sequenzen, orchestralem Sound und großem Umfang war dies ein K.-o.-Kriterium.

Die Branche erlebte einen beispiellosen Exodus: Square (heute Square Enix) kehrte Nintendo nach über einem Jahrzehnt enger Partnerschaft den Rücken. Die Nachricht, dass Final Fantasy VII – dessen Prototyp ursprünglich auf N64-Hardware basierte – zur PlayStation wechselte, erschütterte manchen Gamer. Auch Enix zog mit Dragon Quest VII nach. Ohne diese Prestige-Titel verlor Nintendo den „RPG-Thron“ und kämpfte mit einem Imageproblem, das erst über ein Jahrzehnt später mit der Wii und Titeln wie Xenoblade Chronicles langsam wieder korrigiert werden konnte.


Trotz der schwierigen Bedingungen gab es einige wenige Titel, die heute als wertvolle Relikte dieser Ära gelten. Schaut man sich die im Westen erschienenen Spiele an, zeigt sich eine Bibliothek mit sehr unterschiedlichen Spielen von sehr unterschiedlicher Qualität:

Paper Mario ist weifellos der qualitativ hochwertigste Titel. Nintendo bewies hier, dass man technische Limitationen durch kreatives Design umgehen kann. Statt auf fotorealistische Renderbilder setzte man auf eine charmante „Flachfiguren-Optik“. Paper Mario war der Quasi-Nachfolger von Super Mario RPG (SNES) und etablierte eine eigene Reihe von Spielen, die nach dem zweiten Teil auf dem Gamecube ihre RPG-Elemente jedoch stark zurückschraubte. Paper Mario ist kein klassisches RPG im Sinne von Final Fantasy, aber es nutzt die Hardware perfekt aus und etablierte ein kreatives Kampfsystem.

Ogre Battle 64: Person of Lordly Caliber: Im Gegensatz zu Tactics Ogre auf der PlayStation handelt es sich hier um ein Echtzeit-Strategie-RPG mit einer enormen politischen Tiefe und über 50 verschiedenen Charakterklassen. Es ist eines der seltenen Beispiele, bei denen die Speicherbegrenzung des N64 einer epischen Erzählstruktur nicht im Weg stand.

Quest 64 (Holy Magic Century) war der ambitionierter Versuch eines "reinen" 3D-RPGs.
Dennoch blieb der Titel für viele Spielereine herbe Enttäuschung. Das Fehlen einer komplexen Story und die sterilen Landschaften konnten nie mit dem Detailreichtum konkurrieren, den Fans des Genres damals von Sony gewohnt waren. Es wirkte eher wie eine Tech-Demo als wie ein fertiges Spiel.

Mit Hybrid Heaven wagte Konami ein Experiment, das heute als Kultklassiker gilt. Es mischt Third-Person-Action mit einem rundenbasierten Kampfsystem, das starke Anleihen beim Wrestling nimmt. Ein sperriger, technisch interessanter Titel, der die Rechenkraft des N64 für komplexe Charaktermodelle nutzte. Die Story kann wohl am ehesten als 90er-Jahre Verschwörungs-Narrativ rund um Aliens und US-Politik beschrieben werden. Im Vorfeld zum Teil als Gegenstück für Metal Gear Solid hochgehypet, blieb das Game am Ende aber dennoch hinter seinen Möglichkeiten zurück.

Aiden Chronicles: The First Mage: Ein eher westlich geprägtes RPG, das eine gigantische, offene Welt versprach. Leider litt das Spiel unter einer derart schwachen Bildrate und technischen Mängeln, dass der Spielfluss massiv gestört wurde.


Interessanterweise war die Definition des Genres zur N64-Zeit oft schwammig. Titel wie The Legend of Zelda: Ocarina of Time wurden in zeitgenössischen Magazinen häufig als RPGs gelistet. Aus heutiger Sicht ist die Trennung klar: Zelda ist ein Action-Adventure. Es fehlt die statistische Charakterentwicklung (Level-Ups, EXP), die das Kernsegment eines Rollenspiels ausmacht. Dass die Fans dennoch Zelda als „ihr“ RPG ansahen, zeigt, wie groß der Hunger nach atmosphärischen Abenteuern auf der Plattform war.
Auch Simulationen wie Harvest Moon 64 oder die Pokémon Stadium-Reihe füllten die Lücke nur bedingt, da sie die klassischen Tugenden des Genres – Exploration und tiefgreifende Erzählungen – nur am Rande streiften.
Ein Blick nach Japan offenbart, dass das N64 dort zumindest ein wenig breiter aufgestellt war. Die wenigen Titel, die erschienen, wie das innovative Sammel-RPG Custom Robo, blieben allerdings regional begrenzt. Das Roguelike Shiren the Wanderer 2 erhielt sehr gute Wertungen, blieb dem Westen aber ebenfalls verwehrt.
Zudem versuchte Nintendo mit dem 64DD (einem Disk-Laufwerk-Aufsatz) das Speicherproblem zu lösen. Hier sollte das monumentale EarthBound 64 (Mother 3) erscheinen. Das Scheitern des 64DD besiegelte jedoch das Schicksal vieler RPG-Projekte. Mother 3 wurde letztlich nicht mehr auf dem N64 realisiert, sondern erschien später auf dem Gameboy Advance – aber nur in Japan.


Exkurs: Wie ein gescheitertes RPG zu Animal Crossing wurde
Ein besonders faszinierendes Kapitel der N64-Ära ist die Entstehungsgeschichte von Animal Crossing. Was heute als Inbegriff der entschleunigten Lebenssimulation gilt, begann seine Entwicklung als ein groß angelegtes, asynchrones Multiplayer-RPG für das 64DD. Das ursprüngliche Konzept sah wohl vor, dass Spieler gemeinsam Dungeons erkunden, Monster bekämpfen und eine Welt verändern, die auch in Abwesenheit des Spielers weiterlebt. In seiner frühen Planungsphase erinnerte das Projekt strukturell offenbar an Dungeon-Crawler-RPGs wie Diablo.
Als das 64DD-Laufwerk jedoch scheiterte, musste das Team das Spiel radikal umplanen, um es auf ein herkömmliches N64-Modul zu pressen. Da der Speicherplatz für ein episches RPG mit komplexen Kämpfen nicht ausreichte, wurden die Rollenspiel-Elemente gestrichen. Übrig blieb nur der soziale Kern: das Interagieren mit Bewohnern.
Eine technische Innovation dieses ursprünglichen RPG-Konzepts überlebte die Umgestaltung: Um Speicherplatz zu sparen und dennoch hunderte von Charakteren "sprechen" zu lassen, entwickelte Nintendo ein synthetisches Sprachsystem. Statt riesiger Audiodateien setzt das System die geschriebenen Buchstaben in Echtzeit in phonetische Laute um – das heute weltbekannte „Animalese“. Ursprünglich sollte dieses System dazu dienen, einem riesigen Ensemble an RPG-NPCs eine Stimme zu geben, ohne das Modul zu sprengen.


Was bleibt: Ein teures Versäumnis
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Nintendo 64 für Rollenspiel-Enthusiasten ein schwieriges Pflaster war. Der Verlust der Marktführerschaft im Genre war kein Zufall, sondern das Resultat einer Hardware-Politik, die den Fortschritt der Spieleerzählung unterschätzte. Wer heute ein N64 besitzt, greift primär für Jump 'n' Runs oder Multiplayer-Titel zur Konsole. Doch wer tiefer gräbt, findet mit Paper Mario und Ogre Battle 64 zumindest zwei sehr spielenswerte Juwelen, die zeigen, was möglich gewesen wäre, wenn mehr Entwickler den Mut zum Modul gehabt hätten.


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