Persona 4
Erstveröffentlichung: 2008
Plattform: PS2
Entwickler: Atlus
Als ich mich 2023 – weit über ein Jahrzehnt nach dem ursprünglichen Release auf der PlayStation 2 im Jahr 2008 – zum ersten Mal nach Inaba begab, ahnte ich nicht, dass ich mein neues Lieblingsrollenspiel finden würde. Persona 4 Golden, die veredelte Fassung eines bereits brillanten Klassikers, ist ein Meisterwerk, das den Spagat zwischen japanischer Kleinstadt-Idylle und tiefpsychologischem Horror mit einer Eleganz meistert, die ihresgleichen sucht.
Lange Zeit glich der Versuch, Persona 4 Golden legal und in zeitgemäßer Qualität zu spielen, einer kleinen Odyssee. Nach dem ursprünglichen Release auf der PlayStation 2 im Jahr 2008 war die „Golden“-Fassung jahrelang ein Exklusivtitel für die PlayStation Vita. Wer nicht das Glück (oder das Kleingeld) hatte, sich Sonys glücklosen Handheld samt der immer teurer werdenden physischen Cartridge zuzulegen, blieb außen vor. Für das RPG-Archiv war die Neuveröffentlichung der Jahr 2023 auf Plattformen wie der Nintendo Switch, Xbox und dem PC daher ein wahrer Meilenstein der Videospiel-Konservierung
Doch der eigentliche Reiz dieser Neuauflage liegt in den modernen Komfortfunktionen, die das Spielerlebnis massiv entzerren. In einer Lebensphase, in der man als Erwachsener oft zwischen Beruf, Alltag und anderen Verpflichtungen jongliert, ist Zeit das kostbarste Gut. Atlus hat das erkannt und einen skalierbaren Schwierigkeitsgrad implementiert, den man bequem anpassen kann.
Nun lässt sich individuell festlegen, wie viel
Erfahrung oder Geld man nach einem Kampf erhält. Wer sich primär
auf die dichte Atmosphäre und die komplexe Murder-Mystery-Story
konzentrieren möchte, kann den Grind in den Dungeons damit bis zu einem gewissen Grad abkürzen. Es erlaubt einem, das Spiel in seinem eigenen Tempo zu
genießen, ohne das Gefühl zu haben, von veralteten
Design-Konventionen der PS2-Ära ausgebremst zu werden.
Die Geschichte von Persona 4 Golden beginnt fast
schon beschaulich, mit einem Hauch von Wehmut. Wir verlassen das
hektische Treiben der Großstadt und ziehen für ein Jahr zu unserem
Onkel Dojima und seiner kleinen Tochter Nanako in das ländliche
Inaba. Doch die ländliche Idylle trügt. Was als ruhiges
Austauschjahr geplant war, verwandelt sich binnen weniger Tage in
einen hochspannenden Kriminalfall, der die Grenzen der Realität
sprengt.
Eine bizarre Serie von Morden erschüttert die
Gemeinde. Menschen verschwinden spurlos bei dichtem Nebel und werden
wenig später tot aufgefunden – oft auf groteske Weise drapiert an
Fernsehantennen oder Strommasten. Die Polizei tappt völlig im
Dunkeln, doch unter den Schülern der örtlichen Highschool macht ein
Gerücht die Runde: Der „Midnight Channel“. Wer in einer
regnerischen Nacht um Punkt Mitternacht in einen ausgeschalteten
Fernseher starrt, soll sein Schicksal sehen – oder sein nächstes
Opfer.
Als wir entdecken, dass wir physisch in den Fernseher
greifen und eine surreale, nebelverhangene Parallelwelt betreten
können, beginnt die eigentliche Detektivarbeit. Wir schlüpfen in
die Rolle eines Anführers, einer Leitfigur für eine Gruppe von
Außenseitern, die wir im Laufe der Handlung um uns scharen. Es ist
faszinierend zu beobachten, wie aus anfänglichen Fremden eine
eingeschworene Truppe wird, die gemeinsam versucht, die Wahrheit
hinter den Morden aufzudecken.
Dabei spielt Persona 4 meisterhaft mit der Atmosphäre.
Tagsüber erleben wir ein fast schon nostalgisches Bild des
ländlichen Japans: Wir gehen zur Schule, besuchen das örtliche
Junes-Kaufhaus oder angeln am Fluss. Diese friedlichen Momente werden
jedoch immer wieder von einer subtilen, gruseligen Stimmung
unterwandert. Der ständige Wetterbericht im Spiel ist kein bloßes
Detail – er ist der Taktgeber des Grauens. Wenn der Regen einsetzt
und der Nebel über Inaba rollt, wissen wir: Die Zeit läuft ab.
Dieses Murder-Mystery funktioniert deshalb so gut, weil
es uns persönlich betrifft. Wir ermitteln nicht in anonymen Akten,
sondern kämpfen um das Leben von Menschen, denen wir im Alltag
begegnen. Es ist eine faszinierende Reise in die Abgründe der
menschlichen Psyche, bei der wir schnell feststellen müssen, dass
der Mörder vielleicht näher ist, als wir es für möglich halten.
Die Frage „Wer ist der Täter?“ wird zur treibenden Kraft, die
uns durch die umfangreiche Spielzeit triebt und uns nie wirklich zur
Ruhe kommen lässt.
Unterstrichen wird das alles durch eine ansprechende Präsentation: Klar, im Grunde handelt es sich um ein PS2-Game, das sieht man den Locations schon auch an. Allerdings sind die zahlreichen Charaktere und Kreaturen detailliert in Szene gesetzt, der gesamte Artstyle wirkt stimmig und fängt das oft düstere Japan-Anime-Setting wunderbar ein. Hinzu kommt ein unglaublich guter Soundtrack, von dem es manche Stücke auch dauerhaft in meine persönlichen Music-Playlists geschafft haben.
Mit einem Spielumfang von gut 80 bis 90 Stunden ist Persona 4 Golden ein gewaltiger Brocken. Ich gestehe: Bei meinem ersten Durchlauf habe ich mit Lösungshilfen gearbeitet. Das Spiel ist berüchtigt für seine versteckten Bedingungen, um das "Wahre Ende" zu erreichen. Nichts wäre enttäuschender gewesen, als nach dieser langen Zeit vorzeitig vom Abspann überrascht zu werden, ohne das wahre Geheimnis hinter den Morden gelüftet zu haben.
In dieser
durchaus langen Spielzeit wuchsen mir die toll geschriebenen
Charaktere so ans Herz, dass der Abschied von Inaba schmerzhaft war.
Es ist ein Spiel, das zum Nachdenken anregt – über die eigene
Identität und den Wert von Freundschaft.
Persona 4
Golden hat sich seinen Platz in meinem persönlichen Olymp der
Rollenspiele redlich verdient. Es ist die perfekte Mischung aus
Mystery-Thriller, Lebenssimulation und knallhartem JRPG. Für die
Zukunft habe ich mir fest vorgenommen, Inaba erneut zu besuchen –
dann jedoch ohne Guides, um mich völlig unvoreingenommen von meinen
eigenen Entscheidungen und Beziehungen leiten zu lassen.
Wer dieses Meisterwerk bisher verpasst hat, sollte die Chance der Neuauflage nutzen. Es ist ein zeitloses Dokument dafür, wie tiefgründig und gesellschaftskritisch Videospiele sein können, ohne dabei den Spielspaß aus den Augen zu verlieren.